Zukunft des Treasury Management
Zukunft des Treasury Management

HAL, wieviel Geld bleibt unserem Unternehmen nach Inflation, Lohnerhöhung und Euro-Schwäche?

Welche Herausforderungen ergeben sich künftig für die Finanzabteilung und Treasury Management Systeme? Wird der Treasurer bald sein Treasury System wie andere digitale Assistenten nach der künftigen Liquiditätsentwicklung seines Unternehmen fragen und nur noch benötigt, wenn der mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Computer HAL 9000* trotzt vordefinierter Regelwerke alleine nicht weiter kommt?

Digitalisierung und Refactoring in allen Gassen

Dass sich viele Vorgänge im Treasury digitalisieren lassen, ist bekannt. Treasury Management Systeme gibt es seit mehr als einem Vierteljahrhundert, Electronic Banking seit über 35 Jahren. Die Entwicklung bleibt aber nicht stehen und hat insbesondere mit Einführung sicherer Internet-Technologien und der Umstellung der Dateiformate auf XML-basierte Dateiformate stark an Dynamik gewonnen.
Der Austausch von elektronischen Kontoinformationen und SEPA-Zahlungen mit Kreditinstituten via EBICS haben sich zumindest in Deutschland, Österreich und der Schweiz und Frankreich als Standards etabliert. Daneben werden weitere Themen auf ihre Digitalisierungsfähigkeit untersucht, so z.B. das elektronische Bank Account Management (kurz: eBAM), die automatisierte Bankgebühren­kontrolle oder die digitale Avalbeantragung.

ISO 20022 revolutioniert das Finanzmanagement

Die International Standardization Organization (ISO) hat mit Ihrer Norm 20022 bereits weitgreifende Beschreibungen zum Aufbau geeigneter Dateien für den Informationsaustausch in unterschiedlichen Bereichen vorgegeben: so z.B. „acmt.nnn“ für das Account Management oder camt.086 für das Bankgebührenreporting. Die Ablösung der SWIFT-Formate „MT7nn“ durch entsprechende „trsv.nnn“ Dateien ist in Vorbereitung.

CGI als globaler Standard für Zahlungsverkehrsdateien?

In der „Common Global Implementation“ (CGI) Initiative sitzen seit 2010 Vertreter von Banken und Nichtbanken zusammen und versuchen für den weltweiten Zahlungsverkehr Standards zu erarbeiten, die den Ansprüchen aller Nationen genügen, ausreichend Informationen in verschiedenen Sprachen aufnehmen und in Sekundenbruchteilen kostengünstig rund um den Globus gesandt werden können.

Nur standardisierte APIs sind effizient einsetzbar

Neben der Erneuerung und Internationalisierung der Dateiformate befinden sich aber auch die Möglichkeiten für deren effizienten Austausch in Bewegung: statt dateibasierter Schnittstellen setzt die Informationstechnologie heute gerne Webservices und Application Programmable interfaces (APIs) ein, bei denen Daten ohne Zwischenspeicherung von einem System in das andere fließen. Über APIs werden Kreditinstitute Ihren Kunden künftig eine breitere Auswahl an Funktionen bieten als zuvor, also z.B. neben Zahlungsverkehr und Kontoinformationen auch die Eröffnung, Änderung und Schließung von Konten im Rahmen des eBAM. Dem Corporate Treasurer wird dies aber nur nutzen, wenn die APIs einem gemeinsamen Standard folgen und nicht jede Bank ihr eigenes Süppchen kocht. Dass solch individuell ausgeprägte Aktionen bei Kunden nicht ankommen, hat die Abfrage unterschiedlicher Daten zur Erfüllung der Know-Your-Customer-Vorschriften (KYC) gezeigt.

Ob neu oder alt: Datenschutz muss sein

Bei neuer wie alter Technologie ist natürlich darauf zu achten, dass die Sicherheitsvorschriften eingehalten werden. Wirksame Verschlüsselungs- und Authenti­fizierungs­verfahren werden dabei künftig ergänzt durch Autorisierungen, die Rückschlüsse auf die tatsächlich zeichnende Person zulassen, so dass stets die tatsächlichen Verursacher der Zahlungen nachweisbar sind. Corporate Seals, die wie z.B. eine BIC nur firmenbezogene Absender­informationen enthalten, gehören der Vergangenheit an.

Arbeitsunterstützung durch Robotic Process Automation, virtuelle IBAN und KI

Routineprozesse wie z.B. der Abgleich von Kontoauszugspositionen mit geplanten Umsätzen erledigen Treasury Management und Electronic Banking Systeme auf Basis vordefinierter Regeln schon lange automatisiert und kürzester Zeit. Virtuelle Konten können die Trefferquote erhöhen und künstliche Intelligenz (KI) kann bei der Optimierung von Prozessen unterstützen.

Robotic Process Automation

Bei der Erfassung gleichartiger Informationen können Softwareroboter (Bots) eingesetzt werden, die diese Aufgaben übernehmen, um Menschen zusätzlich zu entlasten. Zum Erlernen der Aufgaben im Rahmen der Robotic Process Automation (kurz: RPA) kann KI zum Einsatz kommen. In den meisten Fällen ist dies aber nicht notwendig, wenn Regelwerke geschickt definiert werden. Zur Einführung von RPA sind die dafür in Frage kommenden Prozesse genau zu analysieren. Dabei besteht die Gefahr, dass man in Versuchung gerät, den Prozess ganz und gar neu zu gestalten und statt einer Arbeitserleichterung zusätzliche Arbeit zu schaffen.

Virtuelle Konten

„Virtuelle Konten“ können für Zahlungsausgänge und „virtuelle IBAN“ für Eingänge genutzt werden. In beiden Fällen werden Kontonummern genutzt, die zwar dem Syntax der IBAN entsprechen, hinter denen aber keine kostenpflichtigen Bankkonten stehen. Für die Optimierung der Zahlungseingangszuordnung können Firmen virtuelle IBAN bei Ihrer Bank kaufen, die allesamt auf ein „echtes“ Bankkonto verweisen. Rechnungen an Kunden werden mit den virtuellen IBAN versandt und durch dieses eindeutige Merkmal erkennt die Firma, von wem der Zahlungseingang stammt oder welchem Projekt oder welcher Konzerngesellschaft dieser zuzuordnen ist. Durch die Automatisierung werden Fehler vermieden und der Zuordnungsprozess beschleunigt. In ähnlicher Weise können auch ausgehende Zahlungen mit Bezug zu bestimmten Projekten, Objekten oder Tochtergesellschaften über virtuelle Konten erfolgen, wobei tatsächlich nur das eine echte Zahlkonto belastet wird. Die Anzahl weiterer kostenpflichtiger Konten lässt sich so in manchen Fällen reduzieren.

Big Data und Künstliche Intelligenz

Immer mehr Systemanbieter versuchen, KI auch in anderen Bereichen des Finanz­managements unterzubringen, z.B. bei der Überwachung von Zahlungsausgängen oder in der Liquiditätsplanung. Das Herausfinden unrechtmäßiger Zahlungen basiert auf dem Prinzip der Mustererkennung: Ausgehende Zahlungen, die nicht dem üblichen Verlauf entsprechen, werden zur genaueren Prüfung erneut vorgelegt. Dies setzt voraus, dass man sonst einen “üblichen Verlauf“ hat, der ein in etwa gleichbleibendes Muster zeigt. Zur Verbesserung der Liquiditätsplanung wird einerseits auch von vergangenen Mustern ausgegangen, die in die Zukunft projiziert werden. Ergänzend können Kostensteigerungen, Währungsrelationen oder sogar Wetterprognosen bei selbstlernenden Systemen Einflüsse auf die Entwicklung der Zahlungsströme nehmen und Szenarien realistischer gestalten. Auch hier ist aber eine dauerhafte Entwicklung ohne Störungen oder Schocks wie z.B. plötzlich auftretende Pandemien oder Kriege Voraussetzung für die Aussagequalität der Planung.

Predictive Analytics

Oft reicht es aus, vergangene Plandaten nicht nur in die zwei Kategorien „in die Zukunft übertragbar“ und „so nicht übertragbar“ zu unterteilen, sondern die letzte Datenbasis etwas genauer zu analysieren. Die Unsicherheit lässt sich durch Multiplikatoren berücksichtigen, so dass z.B. auch Planwerte mit 50-80% Eintrittswahrscheinlichkeit in künftige Ansichten übertragen werden können. Im unterschied zur künstlichen Intelligenz fließen hier Erfahrungswerte von Menschen ein, die in ein Regelwerk eingebaut werden.

Instant Payments

Neue Technologien, leistungsfähigere Algorithmen und Prozessoren lassen die Welt schneller werden. Die Weiterentwicklung des sekundenschnellen TARGET2 Clearings zum Echtzeitsystem TIPS für Instant Payments lässt die bisherige Praxis der Banken, die Abwicklung von Überweisungen durch teils mehrtägige Wertstellungen zu verzögern als unbegründet erscheinen. Der neue Marktinfrastrukturdienst erlaubt Geldüberträge sogar in Echtzeit, und das rund um die Uhr und an allen Tagen des Jahres. Die meisten Instant Payments werden heute in weniger als drei Sekunden abgewickelt und erlauben somit Zahlungen auf den letzten Drücker. Damit der Empfänger weiß, dass Geld auf seinem Konto eingegangen ist, hat man auf Basis des camt.054 nachträglich den camt.05N entwickelt – diese wichtige Information hatte man in der Schnelligkeit der Planung der Instant Payments zu Beginn wohl übersehen. Als einziger Grund, neben Instant Payments auch noch an der „langsamen” SEPA-Überweisung festzuhalten, bleibt vermutlich die technische Möglichkeit der Rückholung bestehen, die bei der sekundenschnellen Variante entfällt.

Realtime Monitoring

Instant Payments, aber auch die schnellen Änderungen von Preisen, Kursen und Zinsen treiben immer mehr zum Handeln in Echtzeit. Internet Trading Systeme für Geldmarkt- und Devisengeschäfte, die digitale Beantragung von Bürgschaften und Garantien, Intercompany Clearing zur sofortigen Verrechnung von Forderungen und Verbindlichkeiten im eigenen Unternehmen, Anreizsysteme zur schnelleren Rechnungsbegleichung durch Dynamic Discounting erfordern ein Realtime Monitoring, dass Menschen ohne entsprechende Softwareunterstützung kaum noch leisten können.

Fazit

Insofern fragt sich, ob es für Treasury Management überhaupt noch Menschen braucht. Denn Software arbeite nach klaren Regeln und wenn Unternehmensrichtlinien die Handlungsspielräume klar vorgeben, ist der Abschluss (oder die Auflösung) von Devisensicherungsgeschäften bis zur Erfüllung der definierten Hedge Ratio auch von Maschinen durchzuführen. In Abläufen, die gewisse Freiheiten erfordern oder zulassen, kann die künstliche Intelligenz unterstützen und nur dann, wenn das System einen Konflikt erkennt, ist humanes Eingreifen erforderlich. Dazu müssen die Finanzmanager natürlich wissen, was zu dem Konflikt geführt hat und wie die Ursachen und Handlungsalternativen zu bewerten sind. Neuronale Netze, deren Entscheidungen für Menschen nicht nachvollziehbar sind helfen hier nicht weiter. Regelbasierte Systeme sollten zumindest von zwei Personen verstanden werden, um das Risiko zu vermeiden, dass die Geschäftsleitung eines Tages nicht mehr erklären kann, wie es zu einer prekären finanziellen Situation gekommen ist, die gegebenenfalls zur Insolvenzanmeldung und dem Niedergang des gesamten Unternehmens führt.
Mit seinen Softwaresystemen modern und auf der Höhe zu sein, ist der Traum vieler Treasurer. Vielleicht träumen diese auch von einem Sprachassistenten, wie Sie ihn bereits zuhause oder im Auto nutzen. Klar wäre es schön, sämtliche Informationen aus dem System nicht mühsam über Auswertungen und Berichte zusammenzustellen. Bekannt ist aber auch, dass Sprachassistenten Gesprächsfetzen zu Lernzwecken einfach mal aufnehmen und der lernende Bordcomputer HAL 9000 in dem Film „2001: Odyssee im Weltraum“ zur Gefahr für die Menschen wurde, nachdem dieser von seiner geplanten Abschaltung erfahren hat. Eine Software, die menschliche Fehler korrigiert ist wünschenswert, aber nur solange der Mensch die Kontrolle über die Vorgänge behält.

* Für alle, die HAL nicht kennen: HAL 9000 ist ein fiktiver Computer an Bord eines Raumschiffes im Roman „2001:Odyssee im Weltraum“ von Sir Arthur C. Clarke, der 1968 von Stanley Kubrick meisterhaft als prägendes Science Fiction-Epos für das Kino verfilmt wurde. Der Heuristisch-Algorithmisch programmierte Computer kümmert sich um den Betrieb des Raumschiffs und kann bereits Dialoge mit den fünf Wissenschaftlern führen, wie heutige Sprachassistenten. Auch scheint er im Verlauf der Reise zum Jupiter menschliches Verhalten zu erlernen. Als er einen Fehler bei seinen Berechnungen macht, wundern sich die Menschen über das präsentierte Ergebnis und beschließen, den Computer herunterzufahren. Um seine Abschaltung zu verhindern, bringt HAL vier der fünf Wissenschaftler um. Dem letzten gelingt es schließlich mit Mühe und Not, das System sukzessive auszuschalten.